
{"id":129,"date":"2013-03-02T17:31:15","date_gmt":"2013-03-02T16:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/?page_id=129"},"modified":"2020-04-30T17:50:51","modified_gmt":"2020-04-30T15:50:51","slug":"nachruf-wolodja-gall","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/pl\/nachruf-wolodja-gall\/","title":{"rendered":"Nachruf Wolodja Gall"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<blockquote><p>Konni hockte am Rundfunkger\u00e4t und h\u00f6rte eine Sendung der BBC ab. Pl\u00f6tzlich sprang er auf und rief mit vor Freude \u00fcberschnappender Stimme: \u201aJungs! In Reims ist ein provisorisches Protokoll \u00fcber den Waffenstillstand unterschrieben worden. Morgen wird in Berlin die volle und bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. Das bedeutet doch Sieg! Frieden!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2013\/03\/Wladimir-Gall-Moskau-Spandau-Halle.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-151\" alt=\"Wladimir Gall Moskau-Spandau-Halle\" src=\"http:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2013\/03\/Wladimir-Gall-Moskau-Spandau-Halle-192x300.jpg\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2013\/03\/Wladimir-Gall-Moskau-Spandau-Halle-192x300.jpg 192w, https:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2013\/03\/Wladimir-Gall-Moskau-Spandau-Halle.jpg 308w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a>So beschrieb Wladimir Samoilowitsch Gall in seiner Autobiographie \u201eMOSKAU \u2013 SPANDAU \u2013 HALLE. Etappen eines Lebensweges\u201c (GNN-Verlag, Schkeuditz 2000) den 7. Mai 1945, den er und sein bester Freund Konrad Wolf als Offiziere der Roten Armee in Rathenow erlebten. Gerne erz\u00e4hlte Wladimir oder Wolodja, wie wir ihn nannten, in zahlreichen Lesungen von seinem Lebensweg, von seiner Freundschaft mit Konrad Wolf und nat\u00fcrlich von dem Ereignis, das ihn so bekannt gemacht hat: seinem Parlament\u00e4rgang in die Spandauer Zitadelle. Die Verhandlungen auf der Zitadelle Spandau bezeichnete Wolodja in einem Interview f\u00fcr unsere Brosch\u00fcre zum 9.-Mai-Fest 2010 als \u201edramatischste Episode\u201c seines Lebens. Konrad Wolf hatte dieses Ereignis in seinem Film \u201eIch war neunzehn\u201c mit einigen dramaturgischen Freiheiten dargestellt. Im Februar 1968 wurde er im Kino \u201eInternational\u201c uraufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 20. Januar w\u00e4re unser guter Freund, Veteran der Roten Armee und Antifaschist 93 Jahre geworden. Wolodja, 1919 in Charkow (Ukraine) geboren, Vorbild in Sachen Mut und Entschlossenheit gegen\u00fcber den faschistischen M\u00f6rdern, starb aber am 9. September 2011 in Moskau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerade einmal 22-j\u00e4hrig und frisch mit einem Germanistikdiplom des Moskauer Instituts f\u00fcr Geschichte, Philosophie und Literatur in der Tasche, ein Doktorandenstipendium bereits sicher, erlebte er den Angriff Nazideutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Als Freiwilliger diente er anfangs als Flaksoldat. Mitte 1942 traf er seinen ehemaligen Lehrer Lew Kopelew in Moskau wieder. Dieser sorgte mit daf\u00fcr, dass Wolodja in die \u201eSiebente Abteilung\u201c der 2. Panzerarmee an der Brjansker Front zur Aufkl\u00e4rungsarbeit unter deutschen Soldaten versetzt wurde. Im Juli 1944 dann die schicksalhafte Begegnung mit Konrad Wolf, den er \u201ekennen, sch\u00e4tzen und lieben\u201c lernte. Wolodja war zur \u201eSiebenten Abteilung\u201c der 47. Armee an die 1. Belorussische Front abkommandiert worden. Aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse wurde Wladimir Gall einer Sondereinheit zugeteilt. Seine Aufgabe bestand darin, direkt an der Hauptkampflinie mit Lautsprecherwagen die deutschen Soldaten \u00fcber die Ursachen des Krieges, den Faschismus in Deutschland aufzukl\u00e4ren und zur Aufgabe und Vermeidung weiteren sinnlosen Blutvergie\u00dfens zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2013\/03\/Bild_wolf_gall.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-136 alignright\" alt=\"Bild_wolf_gall\" src=\"http:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2013\/03\/Bild_wolf_gall.gif\" width=\"177\" height=\"147\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es war der 1. Mai 1945, als die Rote Armee Berlin schon eingenommen hatte, Richtung Brandenburg vorr\u00fcckte, die Zitadelle Spandau, voll mit Hunderten Zivilisten, Offizieren der Wehrmacht und der SS, im R\u00fccken. Und dann kam er, der \u201eH\u00f6hepunkt meiner T\u00e4tigkeit\u201c, der Parlament\u00e4rgang in die Zitadelle. Mit seinem Vorgesetzten, Major Grischin, kletterte er \u00fcber eine Strickleiter in die Zitadelle, f\u00fchrte dort mit ihm die Verhandlungen zur kampflosen Kapitulation der Festung.<\/p>\n<blockquote><p>SS-Fanatiker, die sich in der Festung befanden, versuchten immer wieder unsere Verhandlungen zur Vermeidung weiteren sinnlosen Blutvergie\u00dfens zu sabotieren und wollten unsere Erschie\u00dfung. Zum Gl\u00fcck war das nicht geschehen. Damit waren hunderte Zivilisten gerettet. Es freut mich, dass viele Deutsche diese humane Tat von uns und der Roten Armee nicht vergessen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n<p>So beschrieb Wolodja das Geschehen in besagtem Interview f\u00fcr unsere Brosch\u00fcre.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht vergessen ist aber auch, seine T\u00e4tigkeit nach dem Sieg \u00fcber den deutschen Faschismus. Vom Juli 1945 bis Januar 1948 leistete er als Leiter der Kulturabteilung der Sowjetischen Milit\u00e4radministration in Deutschland (SMAD) und pers\u00f6nlicher Berater des SMAD-Chefs der Provinz Sachsen (Sachsen-Anhalt) einen wichtigen Beitrag f\u00fcr einen demokratischen Neuanfang im Nachkriegsdeutschland. Konrad Wolf war 1946 Kulturreferent und Wladimir Galls\u00a0 Stellvertreter in Halle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jedes Jahr besuchte Wolodja die DDR und nach 1989 in die Bundesrepublik. Nach ihm nannte sich zu DDR-Zeiten eine Jugendbrigade in der Filmfabrik ORWO in Wolfen. Den Untergang der DDR sah Wolodja mit der gleichen Skepsis wie den der Sowjetunion, denn er hatte<\/p>\n<blockquote><p>ja nicht nur gegen den Faschismus, sondern auch f\u00fcr den Sozialismus gek\u00e4mpft.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2013\/03\/gall-weg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-267 alignright\" alt=\"gall-weg\" src=\"http:\/\/neuntermai.vvn-bda.de\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2013\/03\/gall-weg.jpg\" width=\"184\" height=\"109\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Mai 2005 trug Wolodja sich ins \u201eGoldene Buch\u201c von Spandau ein; anl\u00e4sslich des 60. Jahrestages der Befreiung vom deutschen Faschismus. Inzwischen gibt es einen Antrag des BVV-Verordneten der LINKEn, Dirk Gro\u00dfeholz, \u00a0in der Bezirksverordnetenversammlung Spandau, den Zitadellenweg in Vladimir-Gall-Weg umzubenennen. Dies w\u00fcrde tats\u00e4chlich der \u201eherausragenden Pers\u00f6nlichkeit\u201c Wolodjas, die weit \u00fcber den Spandauer Bezug zeitgeschichtlich, aber auch f\u00fcr unsere heutige Zeit von gro\u00dfer Bedeutung ist, gerecht werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konni hockte am Rundfunkger\u00e4t und h\u00f6rte eine Sendung der BBC ab. Pl\u00f6tzlich sprang er auf und rief mit vor Freude \u00fcberschnappender Stimme: \u201aJungs! In Reims ist ein provisorisches Protokoll \u00fcber den Waffenstillstand unterschrieben worden. Morgen wird in Berlin die volle und bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. Das bedeutet doch Sieg! 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